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Tierarzneimittel

Tierärztin und Landwirt im Gespräch. Foto: Cathy Yeulet/ Panthermedia.net

Tierarzneimittel unterliegen weitgehend den gleichen rechtlichen Rahmenbedingungen wie die für den Menschen bestimmten Medikamente und müssen ebenfalls den gesetzlichen Ansprüchen an Qualität, Wirksamkeit und Unbedenklichkeit genügen. Die Überwachung der Tierarzneimittelanwendung - und hier speziell in der landwirtschaftlichen Nutztierhaltung – stellt einen behördlichen Aufgabenschwerpunkt dar.


Antibiotika in der Kritik

Die Gesellschaft hinterfragt zunehmend kritisch, was an Medikamenten in die Tiere gelangt, ob sie im Tierkörper bleiben oder gar über das von Tieren gewonnene Fleisch auf den Menschen übergehen können - und nicht zuletzt was sie nach ihrer Ausscheidung in der Umwelt bewirken. In den letzten Jahren konzentrierte sich das öffentliche Interesse insbesondere auf den hohen Einsatz von Antibiotika bei landwirtschaftlichen Nutztieren. Die Erfassung der an die tierärztlichen Hausapotheken abgegebenen Menge an Antibiotika war bereits seit längerem eine Forderung des NRW-Umweltministeriums. Während bis 2010 lediglich Schätzungen vorlagen, die von einer Gesamtmenge von jährlich etwa 800 bis 900 Tonnen ausgingen, ergab die ab dem Jahr 2011 geltende Meldepflicht für dieses Jahr eine Menge von 1.706 Tonnen und für 2012 von 1.619 Tonnen. Die öffentliche Kritik an dieser Situation war in der Folge nicht mehr zu überhören. Ein Hauptargument – neben den Argumenten des Tierschutzes – ist die starke Ausbreitung multiresistenter Keime auch bei menschlichen Patienten. Es ist daher auch eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe, durch die Begrenzung des Einsatzes von Antibiotika in der intensiven Tierhaltung, die Wirksamkeit von Antibiotika – und damit letztlich auch die Gesundheit von Menschen - nicht länger zu gefährden.


Antibiotika-Studien in NRW decken Handlungsbedarf auf

Der Handlungsbedarf wurde nachdrücklich durch drei Studien des Landesamtes für Natur, Umwelt und Verbraucherschutz NRW (LANUV) unterstrichen, in denen der Einsatz von Antibiotika bei Masthähnchen und in der Putenmast sowie die Rückstände von Antibiotika im Tränkwasser in Hühner- und Putenställen beleuchtet wurden. Im Ergebnis zeigte sich:

  • Neun von zehn Masthähnchen wurden in ihrem kurzen Leben antibiotisch behandelt.
  • Rückstände antibiotisch wirksamer Substanzen waren bis zu 1.085 Tage nach der letzten dokumentierten Anwendung im Tränkwasser nachweisbar.
  • Neun von zehn Mast- und Zuchtdurchgängen in der Putenhaltung werden in NRW mit Antibiotika behandelt.
"Reserveantibiotika" der Humanmedizin in der Putenmast

In seinem Fachbericht "Evaluierung des Einsatzes von Antibiotika in der Putenmast" kommt das Landesamt für Natur, Umwelt und Verbraucherschutz auch noch zu weiteren alarmierenden Ergebnissen: In etwa 86 Prozent der Durchgänge, kam als Mastrasse Big 6 /BUT 6 zum Einsatz. Die Therapiedichte bei der am häufigsten eingesetzte Mastrasse Big 6/BUT 6 war im Vergleich mit den Rassen Converter und Big 9 durchschnittlich um 21 Prozent höher. Es wurden insgesamt 22 verschiedene Wirkstoffe eingesetzt: mit Abstand am häufigsten der Wirkstoff Benzylpenicillin, gefolgt von den Wirkstoffen Colistin, Amoxicillin und Enrofloxacin. Unter den vier am häufigsten eingesetzten Wirkstoffen befanden sich mit Colistin und Enrofloxacin zwei Wirkstoffe aus Substanzklassen, die erhebliche Bedeutung für den Menschen haben und als sogenannte "Reserveantibiotika" bezeichnet werden. Sie sollten eigentlich der Humanmedizin vorbehalten sein. Bei etwa einem Drittel der Wirkstoffeinsätze (961 von 2.764) wurde ein nicht in Deutschland für Puten zugelassenes Präparat verwendet. Das ist nach dem Arzneimittelgesetz nur in Einzelfällen bei einem Therapienotstand zulässig.

In 79 dieser 961 Fälle wurde ein nicht für Puten zugelassenes Präparat verabreicht, obwohl zum Zeitpunkt der Abgabe ein zugelassenes Präparat mit demselben Wirkstoff zur Verfügung steht.

Für die Haltung von Mastputen gibt es bislang keine verbindlichen Vorschriften in der Tierschutz-Nutztierhaltungs-Verordnung (Tier-SchNutztV), wie sie beispielsweise für Hühner und Schweine gelten. Mit den "Bundeseinheitlichen Eckwerten für eine freiwillige Vereinbarung zur Haltung von Mastputen" von 1999, die im vergangenen Jahr aktualisiert wurden, existiert lediglich eine Selbstverpflichtung der Geflügelbranche. Die Einhaltung dieser Vereinbarung ist jedoch freiwillig. Die NRW-Landesregierung wird deshalb eine Bundesratsinitiative einbringen, in der sie die Bundesregierung auffordert, die Tierschutz-Nutztierhaltungs-Verordnung mit rechtsverbindlichen Regelungen zur Putenhaltung zu ergänzen.

Bundeseinheitliche Datenbank zur Erfassung der Antibiotika-Anwendungen

Nicht zuletzt auf Drängen der NRW-Landesregierung wurde im Oktober 2013 das 16. Gesetz zur Änderung des Arzneimittelgesetzes erlassen, das die Schaffung einer bundeseinheitlichen Datenbank zur Erfassung der Antibiotika-Anwendungen bei Mastrindern, -schweinen, -hühnern und -puten vorsieht. Diese Datenbank ermöglicht erstmalig einen Vergleich der einzelbetrieblichen Therapiehäufigkeit mit Kennzahlen auf Bundesebene. Bei Kennzahlüberschreitungen haben die landwirtschaftlichen Betriebe Überlegungen zur Einsparung von Antibiotika oder konkrete Maßnahmen hierzu einzuleiten. Außerdem gibt das Gesetz den zuständigen Kreisordnungsbehörden entsprechende Anordnungsmöglichkeiten an die Hand.