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Tierschutz in der landwirtschaftlichen Nutztierhaltung

Bullenmast. Foto: Design Pics/ Panthermedia.net

Landwirtschaftlichen Nutztieren werden immer höhere Leistungen abverlangt. Die Tiere stoßen mittlerweile an physiologische Grenzen. Dies belastet die Tiere stark und ist auch eine der wichtigsten Ursachen für den hohen Arzneimittelverbrauch in der Landwirtschaft. Die Vorstellungen der Menschen von einer artgerechten Tierhaltung und die Realität der intensiven Tierhaltung klaffen offensichtlich immer weiter auseinander.


Am Wohlbefinden der Tiere orientieren!

Bei den Nutztieren steht die Landwirtschaft vor einer Reihe von Fragestellungen, die im Haltungssystem begründet sind. Diese beginnt beispielsweise mit der Notwendigkeit sogenannter zootechnischer Eingriffe inklusive der Kastration von männlichen Ferkeln und endet nicht zuletzt bei der Begrenzung der Transportzeit für Schlachttiere.

Als erstes Bundesland hat Nordrhein-Westfalen im Jahr 2013 Maßnahmen eingeleitet, um das massenhafte Töten männlicher Eintagsküken in der Legehennenproduktion zu unterbinden. Ein Großteil der Brütereien hat gegen die Untersagungsverfügung der zuständigen Kreisordnungsbehörden Klage vor dem Verwaltungsgericht erhoben. Solange nicht abschließend gerichtlich entschieden wurde, dürfen die Brütereien an der Tötungspraxis festhalten.

Bundesweit sind die rechtlichen Vorgaben für den Tierschutz in der Nutztierhaltung durch das Tierschutzgesetz und eine Verordnung festgelegt.

Ferkel. Foto: Jessica Rossian/ Panthermedia.net

Jungen Schweinen wird oft der Schwanz amputiert. (Foto: Jessica Rossian/ Panthermedia.net)

Stichwort "Zootechnische Eingriffe"

Tierschutz ist mehr als die bloße Vermeidung von Schmerzen, Leiden oder Schäden; er orientiert sich vielmehr am Wohlbefinden der Tiere. In der Nutztierhaltung werden die Tiere häufig durch sogenannte zootechnische Eingriffe an die Haltungsverfahren angepasst – anstatt umgekehrt die Haltung an das entsprechende Tier. In der täglichen Praxis werden Ferkeln in den ersten Lebenstagen die Schwänze gekürzt und die Zähne geschliffen, Kälber werden enthornt und Geflügel wird der Oberschnabel gekürzt. Diese Eingriffe, auch als zootechnische Maßnahmen bezeichnet, haben zum Ziel, Verletzungen der Tiere zu vermeiden und so die Tierhaltung in den heutigen intensiven Haltungssystemen wirtschaftlich überhaupt erst zu ermöglichen. Die Eingriffe werden meist routinemäßig durchgeführt, obwohl sie laut Tierschutzgesetz nur im Einzelfall zulässig wären. Es ist ein zentrales Anliegen der nordrhein-westfälischen Landesregierung, diesen Zustand zu ändern. Tierhaltungen sollten grundsätzlich so gestaltet sein, dass auf Eingriffe und Amputationen verzichtet werden kann.

Beispiel Rinderhaltung

Die Tierzucht kann einen wichtigen Beitrag dazu leisten, dass sich das Wohlbefinden unserer Nutztiere erhöht. Tierzucht muss heute nicht nur auf Leistung, sondern auch auf weitere Merkmale wie etwa das Verhalten ausgerichtet sein. Ziel ist, Tierhaltungen so zu gestalten, dass auf zootechnische Eingriffe gänzlich verzichtet werden kann. Dies geht aber nicht von heute auf morgen, sondern muss stufenweise unter Einbeziehung der Tierzucht erfolgen.

Beispiel Rinderhaltung: Horntragende Rinder verursachen in den heutigen Haltungssystemen Verletzungsrisiken für Mensch und Tier. Deshalb wird bei vielen Kälbern bereits in den ersten Lebenswochen die Hornanlage vorsorglich entfernt, um einer späteren Hornbildung vorzubeugen. Im Gegensatz hierzu wurde in einer sogenannten "Düsseldorfer Erklärung" von Mai 2012 ein Weg gewiesen, der von allen Beteiligten mitgetragen wird. Es geht perspektivisch vor allem darum, durch "Anpaarung" von genetisch hornlosen Tieren und dem so erzeugten hornlosen Nachwuchs auf das schmerzhafte Entfernen der Hornanlage verzichten zu können. Dieser Schulterschluss vor allem mit den landwirtschaftlichen und Tierschutz-Organisationen zeigt, wie sehr der von Nordrhein-Westfalen beschrittene Weg des konstruktiven Dialogs zielführend ist. Die Anzahl der Anpaarungen von Kühen mit Sperma von genetisch hornlosen Bullen hat sich innerhalb von nur zwei Jahren bereits verzehnfacht und steigt beständig weiter an.

Beispiel Amputationen in der Schweinehaltung

Ein weit verbreitetes Problem in der Schweinehaltung ist das sogenannte Schwanzbeißen bei Schweinen. Die Amputation der Schwänze bereits bei Ferkeln, wird heutzutage meist als Routineeingriff durchgeführt und als wirksamste Methode gegen späteres Schwanzbeißen angesehen. Dieses routinemäßige Kürzen der Ferkelschwänze steht jedoch nicht im Einklang mit der Tierschutzgesetzgebung. Das Leid der Tiere – sowohl durch die Amputation als auch durch das Beißen –, die intensiv geführte Diskussion der Problematik und die bestehende Rechtslage haben die Landesregierung in Nordrhein-Westfalen dazu veranlasst, verschiedene Studien in Auftrag zu geben. Ziel dieser Untersuchungen war es, die Ursachen für das Schwanzbeißen bei Schweinen weiter einzugrenzen und tierschutzgerechte Lösungsstrategien für die Praxis zu entwickeln. Das NRW-Landwirtschaftsministerium und die beiden nordrhein-westfälischen Landwirtschaftsverbände haben hierzu im Februar 2014 eine gemeinsame Erklärung unterzeichnet, um schrittweise auf das routinemäßige Kupieren von Schwänzen bei Schweinen zu verzichten.

Beispiel Ferkelkastration

Männliche Ferkel werden kastriert, da das Fleisch der gemästeten Tiere manchmal einen geschlechtsspezifischen und unangenehmen »Ebergeruch« abgeben kann und vielen Menschen in Europa nicht schmeckt. Der strenge Geruch beginnt mit Einsetzen der Geschlechtsreife.

Auf der Agrarministerkonferenz am 28.10.2011 haben die Länder die Bundesregierung aufgefordert, die Kastration von Ferkeln ohne Betäubung bis zum 1. Januar 2017 zu verbieten, soweit es bis dahin praxisgerechte Alternativen gibt. Die Bundesregierung hat inzwischen einen entsprechenden Gesetzesentwurf vorgelegt, der vom Gesetzgeber beschlossen wurde. Ab Januar 2019 wird es in Deutschland verboten sein, Ferkel ohne Betäubung zu kastrieren. Auf europäischer Ebene ist man sich inzwischen ebenfalls einig, dass die betäubungslose Ferkelkastration verboten wird.

Den Schmerz der Tiere während und nach dem Eingriff zu lindern, ist ein erster, wichtiger Schritt zur Verbesserung – aber keine echte Alternative zum vollständigen Verzicht auf die Ferkelkastration. Die Kastration unter Schmerzmittelgabe ist also nur ein Zwischenschritt: Langfristig soll die Kastration entweder gänzlich wegfallen oder aber ausnahmslos nur noch unter Narkose durchgeführt werden dürfen.

Beispiel Geflügelhaltung

Das routinemäßige Kürzen der Schnäbel wird in der konventionellen Geflügelhaltung überwiegend als wirksamste Methode gegen Kannibalismus und Federpicken angesehen. Es wird in Europa bei Puten und Legehennen nahezu flächendeckend angewandt. Dabei wird mit Hilfe eines Infrarotverfahrens die Oberschnabelspitze des Schnabels bei den Eintagsküken gekürzt. Nach dem Tierschutzgesetz handelt es sich bei dem Eingriff des Schnabelkürzens um eine Amputation. Diese ist nur im Einzelfall auf der Grundlage einer behördlichen Ausnahmegenehmigung erlaubt. In NRW sollen künftig die Schnäbel von Legehennen und Puten nicht mehr routinemäßig gekürzt werden. Die Landesregierung, die Landwirtschaftsverbände sowie Tierschutzorganisationen und Einzelhandelsunternehmen unterzeichneten dazu am 10. Juni 2015 gemeinsamen Erklärungen. Darin wird vereinbart, bis möglichst Ende 2016 auf das routinemäßige Schnäbelkürzen in der Geflügelhaltung zu verzichten.


Küken. Foto: Sascha Burkard/ Panthermedia.net

Männliche Küken werden in der Legehennen-Zucht oft als "Abfall" entsorgt. (Foto: Sascha Burkard/ Panthermedia)

Tötung männlicher Eintagsküken

Auch in der Legehennenzucht gibt es Fehlentwicklungen, die korrigiert werden müssen: So werden angesichts des hohen Spezialisierungsgrades in der Geflügelzucht Millionen männliche Eintagsküken am ersten Lebenstagvergast oder geschreddert, weil sie keine Eier legen und auch kaum Fleisch ansetzen. Für die Betriebe haben sie daher keinen wirtschaftlichen Wert. Diese Praxis ist EU-weit üblich und wird seit Jahrzehnten zwar kritisiert, letztlich aber überwiegend geduldet. Diese Praxis ist aus ethischen Gründen nicht vertretbar. Hier werden Lebewesen aufgrund einer übermäßig einseitigen genetischen Ausrichtung zum Abfallprodukt erklärt und entsprechend "entsorgt".



Milchkühe. Foto: picsfive/ Panthermedia.net

Milchkühe sind auf hohe Ertragsleistung gezüchtet. (Foto: picsfive/ Panthermedia)

Milchkühe

Landwirtschaftlichen Nutztieren werden immer höhere Leistungen abverlangt. Die Tiere stoßen mittlerweile an physiologische Grenzen. Es liegen Hinweise vor, dass beispielsweise die Milchkühe leistungsmäßig überfordert werden. Neuere wissenschaftliche Untersuchungen legen den Schluss nahe, dass durch züchterische Beeinflussung in den letzten Jahren die Tiere genetisch auf Milchleistungen ausgerichtet wurden, denen sie eigentlich nicht gewachsen sind. Stoffwechselstörungen mit Leberschäden, schmerzhafte Lahmheiten und verfrühte Abgänge sind die Folge.



Begrenzung der Transportzeit für Schlachttiere

Tiertransporte, vor allem über längere Strecken, sind ein sehr sensibles Thema. Langstreckentransporte bedeuten für die Tiere stets großen Stress – oft kommt es auch zu Verletzungen und Erschöpfungszuständen bei den transportierten Tieren. Die Landesregierung hat bereits im Koalitionsvertrag von 2010 deutlich gemacht, dass sie für eine Verkürzung von Tiertransportzeiten auf maximal acht Stunden eintritt.

Dieses Anliegen wurde auf der Agrarministerkonferenz im April 2011 eingebracht. Die Bundesregierung wurde gebeten, das Thema europaweit anzugehen und sich in Brüssel dafür einzusetzen, dass die maximale Transportzeit für Schlachttiere die in Deutschland geltenden Regelungen nicht überschreitet. Auch die Länder Berlin, Brandenburg, Bremen, Hamburg, Mecklenburg-Vorpommern, Rheinland-Pfalz und das Saarland sind sich mit Nordrhein-Westfalen einig: Die Transportzeit für Schlachttiere sollte über acht Stunden nicht hinausgehen. Auf der Agrarministerkonferenz im September 2014 verständigten sich die Länder ebenfalls darauf, die Überwachung des Tierschutzes bei gewerblichen Tiertransporten zukünftig über bundesweit koordinierte und länderübergreifende Schwerpunktkontrollen von Tiertransporten noch effektiver zu gestalten.


Karteireiter mit der Aufschrift 'Verwaltung'

Wer macht was – im Tierschutz?

Grundsätzlich sind für die Durchführung des Tierschutzgesetzes in Nordrhein-Westfalen die Kreise und kreisfreien Städte zuständig. Als wichtige Ausnahme ist hier aber der Bereich der Tierversuche anzusehen. Für die Genehmigungen und Anzeigen von Tierversuchen ist das Landesamt für Natur, Umwelt und Verbraucherschutz die zuständige Behörde.

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Milchkühe in Weidehaltung.

Förderung von Tierschutzmaßnahmen

Die Nutztierhaltung in landwirtschaftlichen Betrieben steht seit einiger Zeit im öffentlichen Fokus. Zentrale Fragen sind dabei: Wie sollte die Nutztierhaltung heute aussehen und welche Maßnahmen müssen ergriffen werden, um das Tierwohl weiter zu verbessern. Neben der Weiterentwicklung der gesetzlichen Regelungen setzt sich die Landesregierung für eine Förderung besonders tiergerechter Haltungsverfahren ein.

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