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- Düsseldorf, 15.11.2011
Interview

"Ein solch’ massiver Einsatz von Antibiotika ist nicht mit Krankheit zu erklären"
Online-Interview mit NRW-Verbraucherschutzminister Johannes Remmel am 15.11.2011 über die bundesweit erste Studie zum Einsatz von Antibiotika in der Hähnchenmast, illegales Wachstumsdoping und warum es einen Nationalen Aktionsplan „Antibiotika-Reduzierung“ geben muss
umwelt.nrw: Wann haben Sie das letzte Mal Fleisch gegessen?
Remmel: Das ist noch gar nicht so lange her, erst am Wochenende habe ich Hühnchenfleisch gegessen.
umwelt.nrw: Dann ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass das Tier mit Antibiotika behandelt wurde.
Remmel: Das wäre bei einem Huhn aus der konventionellen Züchtung so. Aber ich habe Bio-Geflügel gegessen, dort ist der Einsatz von Medikamenten äußerst stark reglementiert. In der Regel wird dort kein Antibiotikum gegeben.
umwelt.nrw: Was haben Sie gedacht, als Sie die Zahlen derneuen Antibiotika-Studie zum ersten Mal gesehen haben?
Remmel: Ich habe gedacht: Das kann doch nicht sein. Jahrelang verkünden Geflügelwirtschaft und CDU/FDP-Bundesregierung, dass der Einsatz von Antibiotika in der Tiermast nur die Ausnahme und nicht die Regel ist. Jetzt haben wir es schwarz auf weiß: Antibiotika-Doping ist die Regel und gängige Praxis. Wir haben in der Tiermast ein akutes Antibiotika-Problem.
umwelt.nrw: Antibiotikafreie Tiermast ist der Einzelfall?
Remmel: Der Einzelfall vielleicht nicht, aber die Ausnahme. Es sind alarmierende Zahlen. Bei 96,4 Prozent der Tiere in den untersuchten Beständen wurde von uns der Einsatz von Antibiotika festgestellt. Nur etwas weniger als 4 Prozent kamen ohne Medikamente aus.
umwelt.nrw: Ihr Fazit?
Remmel: Da gibt es nur zwei Möglichkeiten: Entweder es handelt sich um Wachstumsdoping – was seit 2006 europaweit verboten ist. Oder aber das System der Hähnchenmast ist derart anfällig für Krankheiten, das es ohne Antibiotika nicht mehr auskommt. Wenn es aber nur noch mit Antibiotika geht, dann ist für mich klar: Diese Art von Massentierhaltung wird aus rechtlicher und ethischer Sicht keinen Bestand haben können!
umwelt.nrw: Das heißt konkret?
Remmel: In beiden Fällen muss klar sein: Ein „Weiter so“ darf es jetzt nicht mehr geben. Die Branche muss umsteuern – und die Bundesregierung, die der Industrie der Massentierhaltung bisher Blankobriefe am laufenden Band ausgestellt hat, muss endlich handeln.
umwelt.nrw: Die Geflügelwirtschaft bestreitet Doping.
Remmel: Dann bin ich mal auf die Antworten gespannt, warum derart massiv Antibiotika eingesetzt wurden – und das in der Mehrheit nur 1 bis 2 Tage lang, dafür aber teilweise mit bis zu 8 verschiedenen Antibiotika. In einzelnen Fällen wurden antimikrobielle Substanzen sogar 26 Tage lang verabreicht. Das ist alles, nur nichts, was mit einer nachhaltigen Landwirtschaft zu tun hat.
umwelt.nrw: Ihre Vermutung?
Remmel: Das hat nichts mehr mit artgerechter Haltung zu tun. Hier geht es nur noch darum, in möglichst kurzer Zeit einen möglichst hohen Ertrag zu erreichen. Zwischen 1970 und 2007 etwa stieg das Durchschnittsgewicht eines Masthuhns um 61 Prozent, gleichzeitig hat die durchschnittliche Lebensdauer drastisch abgenommen. Das Prinzip der Massentierhaltung lautet also: möglichst viel Fleisch in möglichst kurzer Zeit – und da wäre ein Ausfall eines ganzen Mastdurchganges durch Krankheit genauso extrem geschäftsschädigend wie das zu langsame Wachstum.
umwelt.nrw: Aber....
Remmel: ...Lassen Sie mich das bitte noch durch andere Zahlen untermauern: Vor gut 40 Jahren brauchte ein Huhn etwa zwei Monate, um mit gut einem Kilogramm Gewicht geschlachtet zu werden. Heute frisst es sich in Massentierställen etwa 1,6 Kilogramm an – das aber in nur 27 Tagen.
umwelt.nrw: Die Geflügelwirtschaft legt nach eigenen Aussagen sogar ihre Hand dafür ins Feuer, dass alles mit rechten Dingen zugegangen ist.
Remmel: Da könnten sich einige ziemlich heftig die Finger verbrennen. Ich möchte hier aber einfach nur Professor Dr. Kroker zitieren, der für uns ein Gutachten über diese Art und Weise des Antibiotikaeinsatzes gemacht hat. Der Gutachter kommt zu dem Schluss, dass die verkürzte Anwendung nicht dem Stand der veterinärmedizinischen Wissenschaft entspricht.
umwelt.nrw: Gibt es weitere Tendenzen?
Remmel: Ja. Der Antibiotika-Einsatz steigt, je größer der Betrieb ist. Das macht deutlich, dass die Massentierhaltung mit gewaltigen Problemen verbunden ist, die offenbar nur noch mit Medikamenten behoben werden können. Bei kleineren Betrieben mit weniger als 20.000 Tieren werden deutlich weniger Medikamente eingesetzt.
umwelt.nrw: Schneiden Bio-Bauern besser ab?
Remmel: Tendenziell ja. Das zeigt auch unsere Untersuchung. Bei Betrieben mit einer besonders langen Zuchtdauer von mehr als 45 Tagen wurde weniger Antibiotika eingesetzt. Die Medikamentenzugabe ist bei Bio-Bauern insgesamt auch stärker reglementiert.
umwelt.nrw: Für die Studie wurden rund 182 Betriebe in NRW untersucht. Welche Übertragbarkeit hat das Ergebnis für das Bundesgebiet?
Remmel: Die Ergebnisse sind klar übertragbar, weil wir hier keine Stichprobenuntersuchung gemacht haben, sondern eine vollständige Erhebung unter den relevanten Hähnchenmastanlagen. NRW nimmt hier also keine Sonderrolle ein, sondern steht exemplarisch. Die Struktur ist die gleiche wie im gesamten Bundesgebiet. Nur NRW ist halt das erste Land, das eine solche Studie gemacht hat, während andere nur Ankündigen oder Hinterherhecheln.
umwelt.nrw: Kritiker zweifeln an den Methoden der Studie und warnen, dass man die Ergebnisse nicht verallgemeinern kann.
Remmel: Das ist doch das übliche taktische Spiel: Kann ich die Inhalte nicht widerlegen, wird die Seriosität angezweifelt. Das mache ich nicht mit. Die Studie ist von ausgewiesenen Experten erstellt worden, von Professoren, Doktoren und Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, die seit Jahrzehnten ihren Job gut machen.
umwelt.nrw: Aber Stichproben sind nur schwer zu verallgemeinern.
Remmel: Genau deshalb ist es keine Stichproben-Untersuchung, die immer nur einen Teilausschnitt wiedergibt. Wir haben uns deshalb dazu entschieden, eine vollständige Erhebung der relevanten Betriebe zu machen. An den Ergebnissen gibt es nichts zu zweifeln: Der Einsatz von Antibiotika ist in 83 Prozent der Mastdurchgänge und damit bei 96 Prozent der Tiere festgestellt worden. Das kann auch kein Pro-Seminar in Statistik wegdiskutieren.
umwelt.nrw: Welche Konsequenzen ziehen Sie?
Remmel: Transparenz! Transparenz! Transparenz! Wir müssen die Antibiotika-Ströme endlich offen legen, um zu sehen, welcher Betrieb überproportional hohe Medikamenten-Mengen einsetzt. Nur dann können wir als Aufsichtsbehörde auch handeln und eingreifen. Wir brauchen zudem einen Nationalen Aktionsplan zur Antibiotika-Reduzierung – und zwar mit deutlichen Minimierungszielen. Und wir müssen uns des Themas „multiresistente Keime“ in der Landwirtschaft und der daraus resultierenden Gefahren für die Menschen stärker widmen als bisher.
umwelt.nrw: Für die Antibiotika-Ströme gibt es doch seit Januar 2011 bereits eine eigene Verordnung, die das ermöglichen soll.
Remmel: Theoretisch ist das so. In einer bundeseinheitlichen Datenbank (DIMDI) werden die Zahlen des Arzneimittelvertriebs in der Schweine- und Rinder-Tierhaltung nach Postleitzahlen aufgeschlüsselt erfasst – allerdings ist die Geflügel-Wirtschaft hiervon ausgenommen.
umwelt.nrw: Warum?
Remmel: Da fragen Sie den Falschen. Die Bundesregierung begründete dies bisher mit dem Datenschutz. Also müssen wir feststellen: Bei Schweinen und Rindern gilt der Datenschutz nicht, bei Geflügel schon. Diese Argumentation der Bundesregierung ist doch absurd und ein Skandal, der nur mit massivem Lobbyeinsatz zu erklären ist. Es ist ein Bärendienst für den Verbraucherschutz, wenn Frau Aigner der Geflügellobby mehr Zugeständnisse macht als den Konsumenten im Land.
umwelt.nrw: Die Bundesregierung lehnte aber bisher eine Änderung der DIMDI-Verordnung aber ab.
Remmel: Das stimmt. Noch vor wenigen Wochen hatte die Bundesregierung im Verbraucherausschuss des Bundestages zwar erneut erklärt, an dem bestehenden intransparenten System der Antibiotika-Erfassung zu Gunsten der Geflügelwirtschaft festhalten zu wollen. Jetzt kommt die Kehrtwende von Frau Aigner. Der Druck der Bundesländer und der NRW-Studie hat offenbar gewirkt. Ministerin Aigner hatte aber auch gar keine andere Wahl: Der öffentliche Druck hat durch unsere Antibiotika-Studie stark zugenommen und es war klar, dass NRW eine Bundesratsinitiative starten würde, wenn sich die Bundesregierung nicht bewegt hätte. Aber ob Ilse Aigner jetzt wirklich Taten folgen lassen wird, das lassen wir mal offen.
umwelt.nrw: Sie sind skeptisch?
Remmel: Nun, Frau Aigner ja nicht von ungefähr den Ruf der „Ankündigungsministerin“ der aktuellen Bundesregierung aus CDU/CSU und FDP. Die Liste der angekündigten Gesetze und Initiativen ist erschrecken lang, die dann doch nicht umgesetzt wurden oder nur zur unzureichend.
umwelt.nrw: Beispiele?
Remmel: Ministerin Aigner hat etwa bei der „Restaurant-Ampel“ zuerst verkündet, dass sie ein solches Transparenz-System für Lebensmittelkontrollen unterstützen wolle. Jetzt blockiert sie die Einführung des für Konsumentinnen und Konsumenten wichtigen Restaurant-TÜV. Auch hier hat sich Frau Aigner auf die Seite der schwarzen Schafe gestellt, anstatt auf die Seite der Verbraucherinnen und Verbraucher. Das ist leider der rote Faden in der Politik von Ilse Aigner.
umwelt.nrw: Die Geflügelindustrie will jetzt den Einsatz von Antibiotika selbst erfassen und deutlich reduzieren.
Remmel: Angriff ist bekanntlich die beste Verteidigung. Es zeigt aber zweierlei: Selbst die Landwirtschaft will eine Novelle der Antibiotika-Verordnung DIMDI. Also machen wir es doch einfach. Und: Die angekündigte deutlich Reduzierung legt nahe, dass derzeit offenbar doch massiv Antibiotika eingesetzt werden. Ansonsten könnte ja gar nicht in dem Ausmaß reduziert werden, wie es jetzt angekündigt wurde. Was wir brauchen, ist eine massive und schnelle Reduzierung des Antibiotika-Einsatzes, am besten durch einen nationalen Antibiotika-Plan mit festen Zielgrößen und Anreizsysteme für die Landwirtschaft, erst gar keine Medikamente zu verabreichen.
umwelt.nrw: Welche Folgen hat der Einsatz von Antibiotika in der Geflügelmast für den Menschen?
Remmel: Gravierende. Und dabei muss man gar nicht nur das Thema der möglichen Antibiotika-Rückstände im Fleisch selbst ansprechen. Viel problematischer ist, dass sich durch die Unterdosierung mit Antibiotika resistente Keime bilden, die Menschenleben gefährden. Erkrankungen, sogar Todesfälle sind die Folge, wenn Antibiotika nicht mehr wirken. Die EU spricht, glaube ich, von etwa 25.000 Menschen, die jedes Jahr an Infektionen mit Bakterien sterben, weil Antibiotika nicht mehr wirken. Und der Einsatz von Antibiotika wirkt wie ein Beschleunigungsmotor auf die Verbreitung von multiresistenten Keimen.
umwelt.nrw: Wird das auch durch Zahlen belegt?
Remmel: Ja. Es gibt eine Vielzahl von Untersuchungen, sogar von der Bundesregierung selbst. Deshalb bin ich ja so fassungslos, dass Ministerin Aigner ihren eigenen Studien wohl nicht traut und nicht handelt. Eine Langzeit-Untersuchung des Bundesinstituts für Risikobewertung (BfR) fand Ende 2010 in Fleisch- und Lebensmittelproben Keime, die zu 48 Prozent resistent gegen mindestens eine und zu 35 Prozent sogar resistent gegen mindestens zwei Wirkstoffe waren. Eine unterdosierte Behandlung mit Antibiotika wirkt bei Tieren wie ein Trainingsreiz für Bakterien. Das muss gestoppt werden und unsere Studie muss nun der Ausgangspunkt für eine politische Debatte darüber sein. Den ersten Erfolg haben wir ja schon erreicht: Ministerin Aigner verabschiedet sich vom Blankobrief für die Geflügelindustrie und macht eine Kehrtwende. Die Antibiotika-Ströme können nun offen gelegt werden. Endlich!
