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Rede von Ministerin Heinen-Esser am 6.10.2018 im Institut für Landschaftsökologie Münster zum 1. NRW-Naturschutztag des NABU NRW

06.10.2018

Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Gäste,

ich bedanke mich sehr für die Einladung zum 1. NRW-Naturschutztag. Sehr gerne bin ich heute nach Münster gekommen und freue mich, heute zu Ihnen sprechen zu dürfen.

Unsere Gastgeber – das Institut für Landschaftsökologie an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster und der NABU-Landesverband Nordrhein-Westfalen – füllen mit der Ausrichtung dieser Tagung eine ganz offensichtliche Lücke:
Neben dem Deutschen Naturschutztag auf der Bundesebene ist ein Landesnaturschutztag in Nordrhein-Westfalen eine sinnvolle und überfällige Ergänzung des Informationsangebots an die Fachwelt und interessierte Bürgerinnen und Bürger.

Mit dem Themenfeld "Naturschutz in der Agrarlandschaft" greifen Sie zudem auch ein brandaktuelles Thema auf.

Ich hatte heute Morgen bereits die Möglichkeit, mich bei einem Rundgang zu informieren und habe dabei gesehen, mit wie viel Engagement sich die Menschen in Naturschutzgruppen organisieren und für die Bewahrung der Schöpfung einsetzen. Ihr Einsatz trägt viel dazu bei, konkrete Maßnahmen vor Ort umzusetzen – und die Anliegen des Naturschutzes in die Öffentlichkeit zu tragen.

Vielerorts arbeiten der amtliche und der ehrenamtliche Naturschutz heutzutage Hand in Hand. Beiden möchte ich an dieser Stelle meinen Dank dafür aussprechen.

Ich habe bei meinem Rundgang auch erfreulich viele jüngere Menschen gesehen, die sich für die Präsentationen interessiert haben. Es ist wirklich eine gute Entscheidung, mit dieser Veranstaltung an einen Ort zu gehen, wo das Leben nur so sprudelt – und nicht in ein kühles Kongress-Zentrum.

Hier treffen wir die Menschen, die als junge Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler der Biologie, Landschaftsplanung oder Landschaftsökologie Antworten auf die Frage finden müssen, wie wir unsere natürlichen Lebensgrundlagen in einer Industriegesellschaft bewahren können. Eine der zentralen Herausforderungen des 21. Jahrhunderts!

Meine sehr geehrten Damen und Herren,
rund um die großen Zeugnisse unserer kulturellen und industriellen Vergangenheit und Gegenwart finden wir in Nordrhein-Westfalen überall beeindruckende und vielfältige Landschaften. Abwechslungsreiche Naturräume bieten mehr als 43.000 Tier-, Pilz- und Pflanzenarten eine Heimat. Das ist mehr als die Hälfte aller in Deutschland vorkommenden Arten.

Der Erhalt dieser biologischen Vielfalt ist heute unsere gemeinsame Aufgabe.
Denn die genannten Zahlen dürfen nicht darüber hinwegtäuschen, dass die biologische Vielfalt heute gefährdet ist. Weltweit ist zu beobachten, dass Arten unter Druck geraten und verschwinden. Der Verlust an Lebensräumen nimmt auch in Nordrhein-Westfalen inzwischen beunruhigende Ausmaße an. Hierzulande sind rund 45 Prozent der auf der so genannten "Rote Liste" vertretenen Arten in einer Gefährdungskategorie gelistet. Dazu zählen inzwischen auch "Allerweltsarten" – Pflanzen und Tiere, die bisher weit verbreitet schienen, wie viele Insekten und Vögel.

Bleiben wir einfach einmal bei den Insekten: Im vergangenen Jahr hat eine Publikation im Fachmagazin "Plos One" ein riesiges Medienecho ausgelöst und eine öffentliche Debatte um das Insektensterben entfacht, die bis heute anhält. Auch international wurde diese wissenschaftliche Arbeit sehr beachtet.

Sie beruht auf den Daten des Entomologischen Vereins Krefeld. Dieser erhebt seit über 25 Jahren Daten zur Entwicklung der Flug-Insektenfauna. Die Ergebnisse sind leider eindeutig: Der Verlust der Biomasse der Fluginsekten liegt zwischen 1989 und 2016 bei etwa 75 Prozent. Das sind beunruhigende Zahlen. Von den 63 Standorten, die in der Studie untersucht wurden, befinden sich übrigens 57 in Nordrhein-Westfalen.

Die Gründe für diese beunruhigende Entwicklung sind sehr vielfältig. Wir haben die Mechanismen, die zum Verschwinden der Insekten führen, allerdings bislang nur sehr grob verstanden. Es fehlen schlicht noch wissenschaftliche Daten und Erkenntnisse. Die Landesregierung hat daher selbst im Juni 2017 das Landesamt für Natur, Umwelt und Verbraucherschutz NRW beauftragt, ein repräsentatives landesweites Monitoring der flugfähigen Insekten durchzuführen. Auf der neu gewonnen Datengrundlage wird es noch besser möglich sein, den Umfang des Problems abzuschätzen und geeignete Gegenmaßnahmen zu ergreifen.

Andere Forschungen und Studien zu den Ursachen des Artenrückgangs in der Kulturlandschaft zeigen es aber bereits jetzt: Der Handlungsdruck ist im Offenland zweifelsohne am größten. Und damit wären wir beim Thema – Landwirtschaft.

Neue Nutzungsformen, auf Effizienz und maximalen Ertrag ausgerichtete Bewirtschaftung der Böden, Monokulturen in großen Einheiten. Für die Natur ein Problem! Denn biologische Vielfalt braucht Raum, braucht nicht genutzte Strukturen, sie braucht Vielfalt auf dem Acker und den Wiesen, extensive Nutzungsformen und gezielte Schutzmaßnahmen für einzelne Arten. All dies ist rar und steht häufig in Konkurrenz zu betriebswirtschaftlichen Erfordernissen.

Denn machen wir uns nichts vor! Wer den Umwelt- und Naturschutz in der EU voranbringen will, muss anerkennen, dass unsere Agrarwirtschaft in den globalisierten Welthandel eingebunden ist. Da sehe ich – auch als studierte Volkswirtschaftlerin – keinen Weg zurück. Wir können keine "Käseglocke" über die europäische Landwirtschaft stülpen. Wir brauchen den Welthandel, wir benötigen Regulierung, aber keinen Protektionismus. Der Welthandel für die EU, besonders für das Exportland Deutschland, ist inzwischen von grundlegender Bedeutung.

Wenn wir also über Naturschutz und Landwirtschaft sprechen, dann müssen wir auch darüber reden, wie die Bäuerinnen und Bauern mit ihren Produkten in offenen Märkten konkurrenzfähig bleiben.

Gelingt das nicht, wird die Landwirtschaft in Europa mittel- und langfristig nicht nur Marktanteile verlieren – sie wird sich eventuell sogar ganz aus den Flächen zurückziehen, wo sie nicht konkurrenzfähig produzieren kann. Die Folgen wären auch für den Naturschutz fatal.

Denn die Kultur der Landschaft hat die Vielfalt der Arten und Lebensräume über viele Jahrhunderte hinweg gefördert. Die Rechnung ist einfach: Die Vielfalt der Nutzung und kleinräumige Strukturen – vor allem Feld, Weide, Wald – fördern eine Vielzahl von Pflanzengesellschaften. Und je spezialisierter die Flora, desto spezialisierter die Tierwelt, die darauf angepasst ist – desto mehr Vielfalt.

So hat die Landwirtschaft über Jahrhunderte zu einer größeren Vielfalt an Lebensräumen und der damit verbundenen Pflanzen- und Tierarten geführt. Ohne Acker- und Futterbau wären die heutigen Kulturlandschaften nicht entstanden. Traditionelle Landwirtschaft fördert Vielfalt.

Welche Lehre ziehen wir nun aus dieser Erkenntnis? Dort, wo Nutzungsansprüche des Umwelt- und Naturschutzes über den ordnungsrechtlichen Rahmen hinaus bestehen, muss die Konkurrenzsituation durch einen finanziellen Ausgleich aufgelöst werden. Dann können aus Landwirten wieder Landschaftspfleger werden. Deshalb fördern wir in NRW den Ökologischen Landbau, den Vertragsnaturschutz und andere Agrarumweltmaßnahmen. Diese Angebote stoßen bei den landwirtschaftlichen Betrieben auf eine erfreulich gute Resonanz.

Das beantragte Fördervolumen beträgt insgesamt rund 45 Millionen Euro für die Agrarumweltmaßnahmen inklusive Vertragsnaturschutz und 20 Millionen Euro für den Ökolandbau. Diese Zahlen beweisen eindrucksvoll: Immer mehr landwirtschaftliche Betriebe sind bereit, mit uns an einem Strang zu ziehen und die Natur gemeinsam mit uns zu schützen.

Denn machen wir uns eines klar: Die aktuellen Debatten zur Rolle der Landwirtschaft in der Gesellschaft sind auch an den Landwirtinnen und Landwirten selbst nicht spurlos vorbei gegangen. Die Vertreter des landwirtschaftlichen Berufsstandes, die ich bei meinen Terminen treffe, sind sehr daran interessiert, ihr Image in der Öffentlichkeit zu verbessern.

Als leuchtendes Beispiel möchte ich in diesem Zusammenhang ein Projekt des Westfälisch-Lippischen Landwirtschaftsverbandes hervorheben: Es heißt "Blütenpracht am Wegesrand" und findet im Kreis Coesfeld statt. Auf einer Länge von rund 150 Kilometer haben Landwirte zum Frühjahr hin Blühmischungen an den Feldrändern ausgesät. Das Projekt wurde von der Landwirtschaft selbst initiiert und die Teilnehmerinnen und Teilnehmer haben bewusst auf eine zusätzliche Förderung verzichtet. Ein gutes Beispiel dafür, dass Landwirte mit ganzem Herzen Naturschützer sein können.

Meine Damen und Herren,
so wie in Coesfeld arbeiten Naturschutz und Landwirtschaft inzwischen schon auf vielen Gebieten und in vielen Regionen Nordrhein-Westfalens erfolgreich zusammen. Die vielfältigen Aktivitäten und Projekte der Stiftungen Rheinische und Westfälische Kulturlandschaft zeigen, dass sich der Berufsstand mit dem Thema "Biodiversität" auseinandersetzt und eigene Lösungsansätze entwickelt.

Zwischen der Landwirtschaftskammer und den beiden Landwirtschaftsverbänden Nordrhein-Westfalens wurde die "Rahmenvereinbarung zur Förderung der Biodiversität in Agrarlandschaften" vereinbart. In dieser Vereinbarung betonen die Vertragspartner den Willen zur konstruktiven Zusammenarbeit in Naturschutzfragen und bekennen sich zu konkreten Maßnahmen.

Hervorheben möchte ich in diesem Zusammenhang die gemeinsamen Anstrengungen zur Verbesserung der kritischen Bestandssituation von Feldvögeln. Der inzwischen stark gefährdete Kiebitz ist das beste Beispiel dafür. Vielerorts wurden inzwischen so genannte "Kiebitzinseln" angelegt. Nach den positiven Erfahrungen mit Modellprojekten haben wird den Erlass "Feldvogelinseln im Acker" herausgegeben, um die Einrichtung von Brut-, Nahrungs- und Rückzugsflächen in der offenen Feldflur fördern zu können.

Das Förderpaket wird ausschließlich mit Landesmitteln finanziert und läuft jeweils über ein Jahr. Es ergänzt die Kiebitz-Bewirtschaftungsverträge im Rahmen des von der EU kofinanzierten Vertragsnaturschutzes. Beide Landwirtschaftsverbände in Nordrhein-Westfalen und die Landwirtschaftskammer unterstützen diesen kooperativen Ansatz zum Feldvogelschutz und dieser zeigt auch bereits erste Erfolge.

Noch ein weiteres Projekt möchte ich hervorheben, weil es als Pilotprojekt zeigen soll, wie eine erfolgreiche Zusammenarbeit von Landwirtschaft und Naturschutz funktioniert: "Feldvogel-Schwerpunktvorkommen im Kreis Steinfurt" heißt dieses Projekt, das wir auf Anregung der Nordrhein-Westfälischen Ornithologengesellschaft mit dem Landesumweltamt gestartet haben. Die Biologische Station im Kreis Steinfurt hat dazu 15 Schwerpunkträume mit einer Gesamt-Fläche von fast 9.000 Hektar identifiziert, in denen sich sogenannte "Quellpopulationen" der Feldvögel entwickeln sollen, die sich von hier aus wieder in die Fläche ausbreiten können. Von diesem Projekt erhoffe ich mir wertvolle Impulse für die Naturschutzarbeit in der Agrarlandschaft in ganz Nordrhein-Westfalen. Wir legen hiermit den Grundstein für einen neuartigen Ansatz zum Feldvogelschutz – als Vorbild und Blaupause für ganz NRW!

Sie sehen: Der Schlüssel zum Erfolg ist oft die Beratung der landwirtschaftlichen Betriebe. Ich bin davon überzeugt, dass der persönliche Kontakt Vertrauen schafft und Türen öffnet, wenn es darum geht, freiwillige Teilnehmer für Naturschutzprojekte vor Ort zu finden.

Die Landwirtschaftskammer NRW entwickelt daher ihre einzelbetriebliche Beratung zu Naturschutzfragen stetig weiter.

Informationen für die Landwirtschaft bietet auch das Landesumweltamt an. Beispiel "Wegraine": Artenreiche Feld- und Wegraine gehören zur heimischen Kulturlandschaft und sind wichtige Lebens- und Rückzugsräume für Insekten und Vögel.

Das Landesumweltamt hat zu diesem Thema einen Praxisleitfaden veröffentlicht. Dieser ergänzt ein Online-Fachinformationssystem und enthält konkrete Vorschläge, wie blütenreiche Feld- und Wegraine erhalten und entwickelt werden können.

Neben der Beratung unterstützen wir die Forschung, um auf wissenschaftlicher Basis Antworten auf die Frage zu finden, wie Naturschutz und Landwirtschaft miteinander zu vereinbaren sind. Seit Jahren unterstützt mein Haus dazu das Forschungsnetzwerk NRW-Agrar mit dem Schwerpunkt "Umweltverträgliche und standortgerechte Landwirtschaft".

Meine Damen und Herren,
mit Forschung, Beratung und Information lässt sich auf der Basis des Vorhandenen noch viel entwickeln. Dazu bedarf es allerdings einer "Qualitäts-Offensive" – sogar und ganz dringend in den bereits ausgewiesenen Schutzgebieten. Dies machen die Untersuchungen der Krefelder Entomologen deutlich, da die Erhebungen nicht in der "Normallandschaft" stattgefunden haben, sondern zum überwiegenden Teil in Naturschutzgebieten.

Die Landesregierung zieht daraus den Schluss, dass es nicht ausreicht, immer neue Flächen formal einem Schutzstatus zu unterstellen. Die geschützten Flächen müssen stattdessen einen höheren Mehrwert für Natur und Artenvielfalt erbringen. Nach der Devise "Qualität vor Quantität" wollen wir unsere Schutzgebiete daher weiterentwickeln. Für alle NATURA 2000-Gebiete werden wir bis zum Jahr 2020 entsprechende Managementpläne entwickeln, die eine qualitative Verbesserung zum Ziel haben.

Weitaus mehr Durchschlagskraft als die in den Bundesländern entwickelten Maßnahmen und Programme könnte allerdings die Förderpolitik der Europäischen Union für den Umwelt- und Naturschutz in der Agrarlandschaft erzielen. Wir setzen uns daher als Landesregierung dafür ein, dass die künftige Gemeinsame Agrarpolitik der EU Leistungen für die Umwelt bei ihren Förderkriterien noch stärker gewichtet. Wir müssen diesen Weg noch viel energischer beschreiten.

Wir haben uns ja im Dialog von Landwirtschafts- und Umweltverbänden hier in NRW sehr intensiv über die zukünftige Gemeinsame Agrarpolitik nach 2020 ausgetauscht und tragfähige Lösungsansätze für "Landwirtschaft und Umwelt" erarbeitet.

Meine Damen und Herren,
ein Thema wird uns in naher Zukunft noch etwas mehr beschäftigen. Für mich ist es in erster Linie ebenfalls ein Naturschutz-Thema. Und es betrifft auch die Landwirtschaft.

Der NABU hat sich damit bereits sehr ausführlich auseinandergesetzt und seine Position klar gemacht. Sie wissen, dass ich vom Wolf spreche, einer nach dem europäischen Naturschutzrecht streng geschützten Art, die früher einmal in Deutschland weit verbreitet war. In Nordrhein-Westfalen gab es ihn 180 Jahre lang nicht mehr.

Seit dem Jahr 2009 gab es zwar immer wieder Hinweise auf die Anwesenheit einzelner Wölfe in Nordrhein-Westfalen. Diese nutzten NRW allerdings nur als Transitland und wurden hier nicht sesshaft. In diesem Jahr haben sich allerdings die Hinweise auf einen Wolf im Kreis Wesel verdichtet, der sich schon seit einiger Zeit im Raum Hünxe und Schermbeck aufhält.

Er wurde mehrfach gesehen, hat Spuren hinterlassen und auch Schafe getötet. DNA-Nachweise belegen mit großer Wahrscheinlichkeit, dass sich eine junge Wölfin, die aus Niedersachsen zugewandert ist, hier dauerhaft niedergelassen hat.

Zwar können wir das fachlich noch nicht offiziell bestätigen, denn dazu sind mehrere individuelle Nachweise innerhalb eines halben Jahres erforderlich, dennoch haben wir am 1. Oktober erstmals ein "Wolfsgebiet" in Nordrhein-Westfalen ausgewiesen. Das "Wolfsgebiet Schermbeck" hat eine Größe von rund 950 km² und umfasst einen großen Teil des Naturparks Hohe Mark mit seinen ausgedehnten Wäldern und angrenzenden Kulturlandschaften. Das Gebiet umfasst Teile der Kreis Wesel, Kleve, Borken und Recklinghausen sowie der Städte Bottrop und Oberhausen.

Mit dem Wolfsgebiet weisen wir kein Schutzgebiet für den Wolf aus – der Wolf ist überall geschützt.

Unsere Absicht ist eine andere: Mit der Ausweisung eines Wolfsgebietes kommen wir den Tierhalterinnen und Tierhaltern in diesem Gebiet entgegen, die nun nicht mehr nur für Verluste durch den Wolf entschädigt werden, sondern auch Fördergelder für vorbeugende Maßnahmen zum Herdenschutz beantragen können.

Wir wollen auf diese Weise die Belastungen für die Tierhalter so gering wie möglich halten. Denn Schafhalter und Landwirte sollen nicht allein die Lasten tragen, die der gesetzlich garantierte Artenschutz für den Wolf mit sich bringt. Deshalb haben wir schon im vergangenen Jahr eine entsprechende Förderrichtlinie beschlossen.

Das Land steht also nicht unvorbereitet da. Wir haben die sich anbahnende Situation schon seit längerer Zeit im Blick und die notwendigen Schritte unternommen, um ein professionelles Wolfsmanagement in NRW zu etablieren.

Dabei orientieren wir uns an anderen Bundesländern wie Sachsen, Brandenburg und Niedersachsen, die bereits über langjährige Erfahrungen auf diesem Gebiet verfügen.

Wir wissen natürlich: Die Rückkehr eines großen Beutegreifers in die heutige Kulturlandschaft ist mit Konflikten verbunden – auch mit Ängsten, begründeten und unbegründeten. Das ist so und damit müssen wir offen umgehen!

Führen wir die Diskussion um den Wolf auf einer wissenschaftlichen Grundlage, so können wir mit Recht feststellen: Der Mensch passt nicht in das natürliche Beuteschema des Wolfs. Versuchen wir also, den Rotkäppchen-Mythos aus den Köpfen zu bekommen, der wenig historisch und als Märchen stark psychologisch angelegt ist.

Wir müssen zwar in der Öffentlichkeit nicht für die Rückkehr der Wölfe werben – dies ist ein natürlicher Vorgang, auf den wir als Landesregierung weder einen fördernden, noch einen hemmenden Einfluss ausüben. Aber wir sollten die Bürgerinnen und Bürger möglichst zeitnah, umfassend und transparent informieren, um den Gerüchten und Halbwahrheiten entgegen treten, die sich heutzutage sehr schnell rund um kontroverse Themen entwickeln.

Daher haben wir das Landesumweltamt bereits vor einiger Zeit gebeten, ein entsprechendes Online-Informationssystem zu entwickeln. Es kann seit dem 1. Oktober unter der Adresse www.wolf.nrw aufgerufen werden kann.

Sie finden hier aktuelle Meldungen und viel Wissenswertes über den Wolf. Bestätigte Wolfsnachweise werden in einer geodaten-basierten Karte dokumentiert.

Diese kann interaktiv abgerufen und nach bestimmten Kriterien gefiltert werden. Nutztier-Risse, die den Behörden gemeldet wurden, werden tabellarisch gelistet und zeitnah fachlich bewertet – als belegte Fälle oder auch als Falschmeldungen. Über dieses Portal können Bürgerinnen und Bürger Sichtungen melden und die Kontaktdaten der zuständigen regionalen Wolfsberater abrufen.

Tierhalterinnen und Tierhalter erfahren, welche Hilfen sie in Anspruch nehmen können, wenn sie ihre Herden durch den Wolf konkret bedroht sehen oder wenn sie Schäden melden wollen, die vermutlich durch einen Wolf verursacht wurden.

Mit dieser Art der Öffentlichkeitsarbeit möchten wir die Diskussion um den Wolf sachlich gestalten.

Ich möchte an dieser Stelle einfach appellieren: Sehen wir den Wolf als das, was er ist: Ein Teil der Natur. Ein großer Beutegreifer, auf den wir uns einstellen können – der für den Menschen selbst nicht bedrohlich ist und für dessen Schäden in der Nutztierhaltung wir als Gesellschaft aufkommen.
Ich werde also nicht – so wie der NABU – sagen "Willkommen Wolf!" – aber wir sind auf seine Rückkehr vorbereitet und werden lernen, mit ihm zu leben.

Meine Damen und Herren,
Landwirtschaft, Natur- und Umweltschutz haben noch einige weitere Konfliktzonen. Weder konnte ich heute auf die Nitratbelastung der Gewässer eingehen, noch auf den Einsatz von Pestiziden. Dafür ist die Zeit dann leider doch zu knapp.

Bei einem Thema allerdings stehen Landwirte und Naturschützer stets auf derselben Seite: Die anhaltend große Inanspruchnahme von Flächen für den Siedlungs- und Verkehrsbereich stellt die Vertreter beider Interessen vor enorme Herausforderungen. Mit nahezu 18 Millionen Einwohnern ist NRW das Bundesland mit den meisten Einwohnern und unter den Flächenländern auch das mit der größten Siedlungsdichte. Wir erleben sogar noch immer einen Zuwachs – bei der Bevölkerung, in der Industrie, im Gewerbe. Viele Kommunen setzen auf Wachstum. Wachsende Gemeinschaften benötigen ständig neue Flächen.

Bei allem Verständnis für die Bedürfnisse der Kommunen – auch unbesiedelte und unversiegelte Freiräume haben wichtige Funktionen. Sie dienen der Landwirtschaft, dem Naturschutz und haben eine positive klimaökologische Wirkung. Der unverbaute Freiraum ist auch für die Anpassung an den Klimawandel eine wichtige Rolle und gleicht Wetterextreme bis zu einem gewissen Grad aus.

Aus diesen Gründen muss der Flächenverbrauch in NRW auch weiterhin wirkungsvoll reguliert werden.

Die Instrumente dafür heißen

  • Flächenzertifikate,
  • Flächenmanagementsysteme und
  • Flächenrecycling.

Mit dem landesweiten Trägerkreis "Allianz für die Fläche" besteht in Nordrhein-Westfalen bereits seit vielen Jahren ein Gremium von Fachleuten unterschiedlicher Institutionen und Disziplinen, das eng zusammenarbeitet und einen Meinungsaustausch aus verschiedenen Perspektiven führt.
Für die Landesregierung ist es ein wertvolles Beratungsinstrument und Stimmungsbarometer für die unterschiedlichen Interessen, die in der Allianz vertreten sind.

Betrachtet man all die verschiedenen Aspekte, die ich heute vorgetragen habe, können wir zum Schluss mit Recht konstatieren: Es gibt noch sehr viel zu tun. Die Erhaltung der biologischen Vielfalt ist eine große Aufgabe für Staat und Gemeinwesen.

Für das Land Nordrhein-Westfalen ist die Richtung in der Biodiversitätsstrategie festgelegt – unser Beitrag zur Umsetzung der Nationalen Biodiversitätsstrategie der Bundesregierung. An dieser Richtung halten wir fest. Wir werden die Umsetzung der Biodiversitätsstrategie NRW auch in dieser Legislaturperiode fortführen und anhand aktueller Themenstellungen weiterentwickeln. Grundlage aller Maßnahmen, die wir treffen werden, sind die Prinzipien Kooperation und Freiwilligkeit.

Denn mit Gesetzen und Verordnungen allein werden wir es nicht schaffen. Die nordrhein-westfälische Landesregierung setzt daher ebenso auf Kooperation und Dialog. Wir sprechen mit den Vertretern des Naturschutzes ebenso wie mit den Verbänden der Landnutzer und Flächeneigentümer. Dialog auf Augenhöhe – und miteinander statt übereinander reden – das ist nach meiner Auffassung die beste Grundlage für eine erfolgreiche Naturschutzpolitik in NRW!

Dahinter steckt die Erkenntnis, dass Politik nicht gegen die Menschen gemacht werden kann. Ich glaube, wir erreichen mehr für die Natur, wenn der Wandel auf wissenschaftlicher Erkenntnis und individueller Einsicht beruht – als wenn er nur mit dem Ordnungsrecht durchgesetzt wird.

Auch auf eines möchte ich zum Schluss noch hinweisen: Denkt man die Kausalkette, die zum Verlust an Biodiversität führt, über die Landwirtschaft hinaus, so endet diese bei unserem eigenen Konsumverhalten.

Wer beim Lebensmitteleinkauf auf Schnäppchen aus ist, den darf es nicht wundern, dass Lebensmittel – ob Fleisch oder Pflanze – unter Bedingungen produziert werden, die hohen Standards bei Tierwohl, Natur- und Umweltschutz nicht standhalten.

Vielen landwirtschaftlichen Betrieben bleibt unter den gegebenen Bedingungen kaum etwas anderes übrig, als auf Kosten der Umwelt zu produzieren. Auch daran können wir etwas ändern!

Denn nur durch eine gemeinsame Anstrengung und den fairen Ausgleich der Interessen kann der Verlust an Arten und Lebensräumen gestoppt werden – damit unsere Landschaften auch in Zukunft noch vielfältig blühen und sehr lebendig sind.

Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit und freue mich nun auf Ihre Fragen.