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Vortrag von Ministerin Ursula Heinen-Esser bei den Petersberger Naturparkgesprächen am 10.12.2018 in Königswinter: "Naturparke NRW – Naturerleben schafft Identität"

10.12.2018

Liebe Naturparkgemeinde,

sehr geehrte Damen und Herren,

ich begrüße Sie herzlich im Namen der Landesregierung Nordrhein-Westfalen und freue mich sehr, hier zu sein, um zum ersten Male an den Petersberger Naturparkgesprächen teilzunehmen. Hier an diesem historischen Ort, der uns nach umfangreicher Modernisierung in neuem Glanz beeindruckt.

Im ältesten Naturpark Nordrhein-Westfalens sind die Spuren der Geschichte nicht auf den Vulkanismus, die zahlreichen Bergkuppen und die mittelalterlichen Burgen beschränkt. In dieser Gegend wimmelt es von modernen Museen und Einrichtungen zur Kulturgeschichte und Naturschutzbildung. Dieser Naturpark braucht nicht viel PR, seine Höhepunkte werden weit über die Landesgrenzen hinaus gerühmt.

Meine Damen und Herren,

die Zusammenarbeit zwischen Land und Naturparken in NRW ist sehr gut – und Naturpark-Termine sind für mich etwas Besonderes.

Überall in den Naturparken engagieren sich viele Menschen mit großer Leidenschaft für ihre heimatliche Natur:

  • sie bieten Erlebnisrouten und geführte Exkursionen an,
  • betreiben Ausstellungen über das heimische Naturerbe und setzen sich für den Erhalt lebendiger Kulturlandschaften ein,
  • sie entwickeln klima- und umweltschonende Tourismusangebote,
  • gestalten Naturerlebnisangebote barrierefrei,
  • konzipieren Umweltbildungsangebote für Kinder und Jugendliche, zertifizieren Naturpark-Schulen und bauen enge Partnerschaften zu Schulen und außerschulischen Lernorten auf. Sie fördern regionale Produkte,
  • sie realisieren regionale Entwicklungsstrategien und Förderprojekte und unterstützen so regionale Wirtschaftskreisläufe.

Kurzum:

Die Naturparke leben von dem starken Willen und der Kreativität der vielen Aktiven vor Ort.

Diese Aktivitäten in den Naturparken sind ungemein wichtig für die nachhaltige Entwicklung des ländlichen Raumes. Das liegt auch im Interesse der Menschen in den Städten und Ballungszentren.

Mir liegt daher die Entwicklung der Natur-Parke, ihre Arbeit, die sie für das Naturerleben, die Erholung und die Bildung leisten, sehr am Herzen.

Damit bin ich mitten im Thema meines Vortrages: Naturerleben schafft Identität.

Die Naturparke vermitteln mit ihren Erlebnisangeboten den vielen hunderttausend Besucherinnen und Besuchern das Gefühl und das Wissen um den Wert der regionalen Natur. Durch das Natur-Erleben bewirken sie ein besonderes Heimatgefühl und dienen dem sozialen Wunsch nach Nähe und Identität.

Ich fühle mich in meiner Einschätzung durch die Naturbewusstseinsstudie bestätigt, die das Bundesamt für Naturschutz regelmäßig herausgibt ("Naturbewusstsein 2017", BfA).

Dort heißt es, dass für eine große Mehrheit der Menschen, die befragt wurden, die Identität ihrer Region wesentlich von der hiesigen Natur geprägt ist.

Meine Damen und Herren,

für das Vorwort in der Naturparke-Broschüre meines Ministeriums finde ich einen 200 Jahre alten Satz des deutschen Naturforschers, Alexander Freiherr von Humboldt, sehr treffend. Dieser Satz lautet: "Die Natur muss gefühlt werden."

Die Aussage ist in der heutigen digitalen Welt vielleicht aktueller als jemals zuvor.

Teil der vielfältigen Natur zu sein, sie zu sehen, zu hören und zu erleben, ist für uns Menschen von unschätzbarem Wert. Für die einen verbinden sich damit Gerüche und Vogelgesang, für die anderen das Rauschen der Bäume, bunte Blätter, kindliche Abenteuer. Es sind die besonderen Naturerlebnisse, die unser Leben und unsere Kultur stark prägen und für unsere persönliche Identität wichtig sind.

Wir benötigen die Natur nicht nur, weil sie uns ökonomisch nützt. Die natürliche Vielfalt auf unserem Planeten – sie ist für uns regionale und globale Heimat, die einen immateriellen Wert besitzt. Sie ist mit vielen kleinen und großen Erfahrungen und einem besonderen Lebensgefühl verbunden. Wir Menschen, so hat es einer der Väter der wissenschaftlichen Ökologie, Wolfgang Haber, einmal formuliert, ziehen die Verschiedenartigkeit der Gleichförmigkeit vor und so halten wir uns gerne in vielfältigen Lebensräumen und Landschaften auf.

In der bereits erwähnten Naturbewusstseinsstudie lauten die Zahlen dazu:

  • Für über 90 Prozent der Bürgerinnen und Bürger gehört die Natur zu einem guten Leben dazu.
  • 90 Prozent sagen, dass es sie glücklich macht, in der Natur zu sein.
  • 85 Prozent fühlen sich mit Natur und Landschaft in der eigenen Region eng verbunden.

Meine Damen und Herren,

neue "Heimaterlebnisse" in den Naturparken – unter diesem Thema steht der diesjährige Landeswettbewerb "Naturparke.2021 Nordrhein-Westfalen". Ich bin überrascht und begeistert über die sehr unterschiedlichen Ergebnisse, wie bunt und vielfältig sie ausgefallen sind. Oft sind es nur kleine Interventionen, kleine Netzwerke, die eine neue Idee transportieren und den Blick auf die eigene Region neu öffnen. Wir kommen dazu gleich bei der Preisverleihung.

Der Kern der ursprünglichen Naturpark-Konzeption ist das Leitbild einer lebendigen "Kulturlandschaft ohne musealen Charakter". So steht es im Programm des Verbandes Deutscher Naturparke (VDN). Seit über 20 Jahren wird dieses traditionelle Konzept – Naturschutz, Erholung, Tourismus – nun schon durch das Leitbild der Nachhaltigen Entwicklung erweitert, angestoßen damals durch die berühmte Rio-Konferenz der Vereinten Nationen. Die Nachhaltigkeitsidee fließt seither immer stärker in die praktische Arbeit der Naturparke ein. Naturparke werden immer deutlicher als strategische Infrastrukturleistung im Sinne der Nachhaltigkeit vor allem in den ländlichen Räumen verstanden.

In diesem Jahr kommt die Bildung für nachhaltige Entwicklung (BNE) als neue Aufgabe hinzu. Sie ergänzt und erweitert die klassische Umweltbildung, indem sie globales Denken, Gerechtigkeitsfragen und Umweltbewusstsein miteinander verbindet. Es sind die großen globalen Herausforderungen des Klimawandels und des Artenschwundes, die wir immer stärker auch bei uns in Nordrhein-Westfalen und in den Regionen spüren.

Wie die Naturparke damit umgehen wollen werden wir nachher hören. Aber dass hier in diesem Jahr eine Veränderung des Denkens in der breiten Bevölkerung stattfindet, dessen bin ich mir sicher.

Der Klimawandel ist für viele Menschen nicht mehr nur in der weltweiten Perspekte eine Schicksalsfrage. Auch für Deutschland und Nordrhein-Westfalen gilt: Es drohen uns aktuell enorme ökologische und volkswirtschaftliche Kosten durch Klimaschäden. Im Sommer und Herbst 2018 haben Hitze und extreme Trockenheit den Pflanzen und Bäumen in NRW massiv zugesetzt, sie haben zu erheblichen Ernteausfällen in der Landwirtschaft und zum großen Wassermangel geführt.

Große Sorgen müssen wir uns ebenfalls um den Schutz der Artenvielfalt vor Ort machen. Insgesamt stehen etwa 45 Prozent der heimischen Tier-, Pilz und Pflanzenarten auf der aktuellen Roten Liste der gefährdeten Arten. Schon jetzt können wir unseren Kindern und Enkeln über viele Arten in der Natur nur noch im Imperfekt erzählen. Vor allem der Rückgang der Insekten, die für den Naturkreislauf so wichtig sind, ist heute ein Gesprächsthema.

Nach meiner Beobachtung findet hier ein nachhaltiger Wertewandel vor Ort statt – und dieser Wandel kann befördert werden durch das Naturerleben und die Umweltbildung. Denn nur wer die Natur kennt, kann sich für ihren Schutz vor Ort begeistern. 

Sehr geehrte Damen und Herren,

"Natur erleben verbindet" – das ist ein Projekt des Verbandes deutscher Naturparke, das ich besonders erwähnenswert finde. Denn dem Verband geht es mit diesem Projekt vor allem um Naturparkangebote, die sich an Menschen aus sozial benachteiligten Schichten, an Menschen mit Migrationshintergrund und an Geflüchtete wenden.

Identität durch Naturerleben – das ist für mich ein Projekt der Einigung, des gemeinsamen Erlebens und Wissens unterschiedlicher Bevölkerungsgruppen in unserem Land und unseren Regionen.

Durch das gemeinsame Naturerleben werden Austausch und gegenseitiges Verständnis gefördert. Der Verband unterstützt das gemeinsame Engagement für Natur und Naturschutz – egal, welcher Herkunft man ist.

Dass Naturparke eine wichtige Integrationsarbeit leisten und wie sie für viele auch eine "neue Heimat" werden können, wird der Naturpark Rheinland gleich in seiner Präsentation zum Naturparkwettbewerb 2018 vorstellen. Darauf bin ich sehr gespannt. Auch werden wir bei der Preisverleihung noch von jemandem hören, der mit Hilfe von Produktmarketing und "Labeling" die gemeinsame Identität und das Heimatgefühl stärken möchte.

Meine Damen und Herren,

Naturerleben, Umweltbildung und Regionalentwicklung – dass die Naturparke in Nordrhein-Westfalen für diese Ziele unverzichtbare Partner vor Ort sind, ist unbestritten. Wie kreativ sie dabei sein können, das zeigen erneut die Wettbewerbsbeiträge im aktuellen Wettbewerb.

Ich möchte mich insgesamt für das große Engagement sehr herzlich bedanken – und komme nun zur Bekanntgabe der Preisträger im Landeswettbewerb "Naturpark.2021.Nordrhein-Westfalen".